Orientkrise und Berliner Kongress


Orientkrise und Berliner Kongress
Orientkrise und Berliner Kongress
 
Im Krimkrieg waren die westeuropäischen Großmächte Frankreich und Großbritannien dem russischen Drang, auf Kosten der Türkei seinen Machtbereich auf den Balkan auszuweiten, entgegengetreten. 22 Jahre später versuchte Russland, über die slawischen Freiheitsbewegungen Einfluss auf die Balkanvölker zu nehmen. Die Unruhen 1875 und 1876 in der Herzegowina, in Bosnien, Bulgarien und Mazedonien, entfacht durch die katastrophale Wirtschaftslage, gingen von den nichtmuslimischen Volksgruppen aus; sie waren geistig vorbereitet durch die von Russland geförderte Idee des Panslawismus.
 
Die Kämpfe gegen die Aufständischen, in denen die Türkei mit größter Härte vorging, hatten die Kriegserklärung der Serben und Montenegriner an die Türkei zur Folge, schließlich 1877 die militärische Intervention der Russen. Nach wechselvollen Kämpfen endete der Russisch-Türkische Krieg 1878 mit einem vollständigen Sieg Russlands. Der Vormarsch auf Konstantinopel wurde nur aus Rücksicht auf die anderen Großmächte gestoppt. Aber im Vorfrieden von San Stefano diktierte der Sieger harte Friedensbedingungen, die Russland Landgewinne in Armenien und in Europa (Bessarabien) verschafften und die Herrschaft des Osmanischen Reichs auf dem Balkan so gut wie beendeten.
 
Großbritannien und Österreich-Ungarn erhoben Protest. Britische Kriegsschiffe lagen vor Konstantinopel, und der Krieg schien unvermeidlich. Die Gefahr wurde gebannt durch die Einberufung einer europäischen Konferenz, zu der sich alle beteiligten Mächte bereit erklärten. Auf dem Berliner Kongress (13. Juni bis 13. Juli 1878) übernahm der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck die Aufgabe, als Repräsentant einer unbeteiligten Macht, als »ehrlicher Makler«, zwischen den verfeindeten Staaten zu vermitteln.
 
Die erzielten Ergebnisse waren Kompromisse, die für die Zukunft zahlreiche Konfliktstoffe enthielten. Der Friede von San Stefano wurde revidiert. Russland behielt Bessarabien und seine Landgewinne in Armenien, musste aber auf das Protektorat Großbulgarien verzichten, das in zwei Teilstaaten mit unterschiedlichem politischen Status geteilt wurde: das autonome und tributpflichtige Fürstentum Bulgarien unter der Souveränität des Sultans und die unmittelbar dem Osmanischen Reich unterstehende Provinz Ost-Rumelien. Dagegen wurden die Balkanstaaten Serbien, Montenegro und Rumänien selbstständig. Österreich-Ungarn wurde die Besetzung und Verwaltung Bosniens und der Herzegowina zugesprochen. Der Sultan hatte schon vor der Konferenz Großbritannien für seine Haltung im Russisch- Türkischen Krieg das strategisch wichtige Zypern überlassen.
 
Zar Alexander II. gab Bismarck die Schuld für seinen Prestigeverlust. Die Folge war eine zunehmende Verschlechterung des Klimas in den deutsch-russischen Beziehungen. Die nationalen Forderungen der Balkanvölker waren nur zum Teil erfüllt, sie verbanden sich fortan zunehmend mit panslawistischen Ansprüchen. Österreich-Ungarn war nun selbst als Balkanstaat zwangsläufig in die nationalen Rivalitäten der Balkanvölker verstrickt.

Universal-Lexikon. 2012.

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